HGG-Interview Sommer 2026 mit Prof. Dr. Dr. Christoph Cremer: Geschichte und Perspektiven der Künstlichen Intelligenz

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Fachliche Doppelperspektive

Vor seiner Berufung nach Heidelberg hat er mehrere Jahre in der Biomedical Sciences Division am Lawrence Livermore National Laboratory, einer der bedeutendsten Forschungseinrichtungen für die nationale Sicherheit der USA, gearbeitet. Heute führt er seine biophysikalischen Forschungen insbesondere am Max-Planck-Institut für Polymerforschung in Mainz weiter.

Technik kann unglaublich viel, aber sie formt auch unsere Selbstbilder. Werner H. Heussinger sprach mit Prof. Dr. Dr. Christoph Cremer über die entscheidenden Fragen zur KI. Sehen wir uns als optimierbare Geräte? Oder als Wesen mit Würde, Beziehungen, Sinn, Grenzen? Wir brauchen naturwissenschaftliche Präzision und eine reflektierte Idee vom Menschen, von Verantwortung, von gesellschaftlichen Folgen. Sonst bekommt man entweder technischen Tunnelblick („Wenn es geht, machen wir’s“) oder moralische Debatten ohne Boden.

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Christoph Cremer entstammt einer renommierten Familie mit wissenschaftlichem und sozio-theologischem Hintergrund, in der für ihn prägend eine Generation Deutsche Wissenschaftsgeschichte präsent war, mit Beziehungen zu den Physikern Max Planck, Werner Heisenberg, Carl Friedrich v. Weizsäcker und Albert Einstein.

Sein Vater Hubert Cremer war Professor für Mathematik und Großrechenanlagen an der RWTH Aachen, sein Onkel Lothar Cremer gilt als einer der herausragenden Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Technischen Akustik; seine Tante Erika Cremer arbeitete mit Lise Meitner und Otto Hahn zusammen, ihre Berufung 1940 als Frau an das Institut für Physikalische Chemie der Universität Innsbruck war für diese Zeit außergewöhnlich.

Cremers Mutter Elisabeth Rahner beschrieb bereits in den 1930er Jahren noch heute aktuelle Formen der Zusammenarbeit von Eltern und Kinderbetreuungseinrichtungen, wohingegen ihre Brüder Karl Rahner und Hugo Rahner als führende Theologen des vergangenen Jahrhunderts gelten.


1. Frage: Wenn wir heute über „Künstliche Intelligenz“ sprechen – worüber sprechen wir eigentlich wirklich?

Christoph Cremer: Meistens sprechen wir über zwei Dinge gleichzeitig: über Technik und über Vorstellungen. Technisch gesehen geht es um Systeme, die Muster erkennen, Vorhersagen treffen, Sprache verarbeiten oder Entscheidungen unterstützen. Aber kulturell ist KI viel mehr: ein Projektionsschirm für alte Hoffnungen und Ängste. Menschen träumen seit sehr langer Zeit von künstlichen Helfern, von „gemachten“ Wesen, die sprechen, verstehen, dienen oder übertreffen. Deshalb ist die Debatte so aufgeladen: Wir bewerten nicht nur, was KI kann, sondern auch, was wir von ihr erwarten – und oft verwechseln wir beides.


2. Frage: Warum neigen wir dazu, Maschinen so schnell „menschlich“ zu interpretieren?

Christoph Cremer: Weil unser Maßstab für Intelligenz das ist, was wir an uns selbst kennen: Sprache, Planung, Kreativität, Humor, Beziehung. Wenn ein System etwas davon imitiert, entsteht sofort das Gefühl: „Da ist jemand.“ Psychologisch ist das nachvollziehbar, aber es kann uns täuschen. Denn ein System kann überzeugend wirken, ohne so zu funktionieren wie ein Mensch. Wir sind also in einer Spannung: Auf der einen Seite ist es sinnvoll, Maschinen über menschliche Kategorien zu beschreiben, weil das verständlich ist. Auf der anderen Seite kann genau das dazu führen, dass wir Anthropomorphismus betreiben: Wir schreiben dem System Eigenschaften zu (Bewusstsein, Absicht, Verantwortung), die nach heutigem Stand der Wissenschaft gar nicht vorhanden sind.


3. Frage: Es gibt die Idee von „künstlicher Intelligenz“ als Software auf Chips – und die Idee, Leben selbst künstlich zu erzeugen. Wie unterscheiden sich diese Richtungen?

Christoph Cremer: Das sind zwei grundsätzlich verschiedene Ebenen. Die „klassische“ KI beruht auf Rechenleistung, Daten und Algorithmen. Sie kann erstaunlich leistungsfähig sein, ohne lebendig zu sein. Die andere Idee wäre, etwas zu bauen, das eher einem organischen Wesen ähnelt: mit Wachstum, Entwicklung, Selbstreparatur, stoffwechselähnlichen Prozessen – und vielleicht sogar Bewusstsein. Die zweite Richtung ist nicht nur „schwieriger“, sondern qualitativ anders. Sie müsste im Grunde etwas leisten, wofür die Natur Milliarden Jahre hatte: hochkomplexe Entwicklungsprogramme, fein abgestimmte Zellkommunikation, robuste Selbstorganisation. Das macht verständlich, warum der Sprung von „kann rechnen“ zu „ist lebendig“ nicht einfach ein Upgrade ist, sondern ein ganz anderes Projekt.


4. Frage: Was hat die Digitalisierung der letzten Jahrzehnte in diesem Kontext entscheidend verändert?

Christoph Cremer: Sie hat die Grundbedingungen verschoben: Rechenleistung wurde massiv gesteigert, günstiger, kleiner, allgegenwärtiger. Dadurch sind digitale Systeme nicht mehr nur Werkzeuge am Rand, sondern in die Mitte unseres Alltags gerückt. Das verändert nicht nur Produkte, sondern auch Menschen: Wir arbeiten, kommunizieren, navigieren, erinnern uns, organisieren uns – ständig in Kopplung mit digitalen Strukturen. Man könnte sagen: Wir sind nicht „halbe Maschinen“, aber wir sind funktional mit Maschinen verschaltet, und werden das immer mehr. Das bringt enorme Vorteile, macht uns aber auch abhängig: von Strom, Netzen, Plattformen, Datensicherheit, Standards – und davon, wie Entscheidungen in solchen Systemen gestaltet werden.


5. Frage: Wenn KI immer leistungsfähiger wird, stellt sich die Frage: Können Maschinen irgendwann Bewusstsein haben?

Christoph Cremer: Das ist genau der Punkt, an dem man vorsichtig werden muss. „Bewusstsein“ ist nicht dasselbe wie „komplexes Verhalten“. Ein System kann Sprache verwenden, Emotionen simulieren oder scheinbar „verstehen“, ohne dass klar ist, ob da ein inneres Erleben ist. Wir wissen nicht einmal, wie Bewusstsein beim Menschen genau entsteht – wir haben gute Modelle und viele Daten, aber kein simples Rezept. Darum ist eine nüchterne Haltung wichtig: Man kann die Fähigkeiten von KI ernst nehmen, ohne voreilig das Wort „Bewusstsein“ zu benutzen. Und man sollte unterscheiden zwischen: Kann ein System Aufgaben lösen und erlebt ein System etwas? Das sind zwei verschiedene Fragen.


6. Frage: Kommen wir zur radikalen Vision: „ewiges Leben“ oder extrem verlängerte Lebensspanne. Ist der Mensch eine Maschine, die man einfach reparieren muss?

Christoph Cremer: Der Maschinenvergleich ist verführerisch, weil er Hoffnung macht: Wenn etwas kaputtgeht, tausche ich Teile aus. Aber biologisch ist Altern nicht nur ein defektes Zahnrad. Leben beruht auf extrem präziser Ordnung in Molekülen, Zellen und ganzen Systemen – und diese Ordnung wird ständig bedroht: durch Kopierfehler, Umweltfaktoren, Entzündungsprozesse, Strahlung, Stoffwechselprodukte, Fehlfaltungen von Proteinen. Viele Krankheiten hängen mit solchen Störungen zusammen. Das Entscheidende ist: Es gibt nicht „den einen Alterungshebel“. Es ist ein Netz von Prozessen, und jedes Eingreifen kann Nebenfolgen haben. Das heißt nicht, dass Fortschritt unmöglich wäre – aber es relativiert die Vorstellung, man müsse nur die richtige Schraube finden, dann läuft der Mensch unbegrenzt.


7. Frage: Was sagt uns die molekulare Sicht auf das Leben über unsere Grenzen – aber auch über Möglichkeiten?

Christoph Cremer: Sie zeigt zwei Dinge. Erstens: Leben ist extrem fein abgestimmt. Manche biologischen Strukturen sind so zentral, dass kleine Änderungen dramatische Effekte haben können. Zweitens: Gerade weil wir diese Strukturen immer besser verstehen, entstehen echte medizinische Durchbrüche – zum Beispiel, indem man Unterschiede zwischen biologischen „Maschinen“ in verschiedenen Organismen ausnutzt (klassisch: warum bestimmte Antibiotika wirken). Gleichzeitig bleibt die Herausforderung: Selbst wenn man ein Einzelteil versteht, heißt das nicht, dass man das Gesamtsystem kontrolliert. Der Weg geht daher weiter von „wir haben das Molekül, also haben wir den Menschen“ hin zu einem Denken in Netzwerken, Dynamiken, Rückkopplungen.


8. Frage: Ist das der Grund, warum heute so oft von Systembiologie gesprochen wird?

Christoph Cremer: Genau. Systembiologie ist im Kern der Versuch, aus dem Wissen über Teile ein Verständnis des Ganzen zu bauen. Nicht nur: Welche Gene gibt es? Sondern: Wie interagieren Gene, Proteine, Zellen und Organe? Wie entstehen stabile Zustände – und wie kippen sie in Krankheit? Wie reagiert das System auf Stress, auf Umwelt, auf Eingriffe? Das ist entscheidend, wenn man ernsthaft über Lebensverlängerung, Heilung komplexer Krankheiten oder Eingriffe in biologische Prozesse nachdenkt. Denn viele Probleme entstehen nicht durch ein einzelnes defektes Teil, sondern durch ein aus dem Gleichgewicht geratenes System.


9. Frage: Wenn wir KI, Biologie und „ewiges Leben“ zusammendenken – was ist die wichtigste Botschaft für Wissenschaft und Gesellschaft?

Christoph Cremer: Dass wir ein breiteres Verständnis brauchen als reines Machbarkeitsdenken. Technik kann unglaublich viel, aber sie formt auch unsere Selbstbilder: Sehen wir uns als optimierbare Geräte? Oder als Wesen mit Würde, Beziehungen, Sinn, Grenzen? Und umgekehrt: Geistes- und Kulturfragen dürfen nicht im luftleeren Raum schweben; sie müssen sich an realen wissenschaftlichen Möglichkeiten und Grenzen orientieren. Der entscheidende Punkt ist die Brücke: Wir brauchen naturwissenschaftliche Präzision und eine reflektierte Idee vom Menschen, von Verantwortung, von gesellschaftlichen Folgen. Sonst bekommt man entweder technischen Tunnelblick („wenn es geht, machen wir’s“) oder moralische Debatten ohne Boden. Die Zukunft wird davon abhängen, ob wir Wissen so organisieren, dass es nicht nur effizient, sondern auch menschlich tragfähig ist.


10. Frage: Warum ist es so verführerisch, Maschinen an menschlicher Intelligenz zu messen – und was geht dabei verloren?

Christoph Cremer: Es ist verführerisch, weil das Menschliche unser einziges unmittelbares Referenzmodell ist. Sprache, Logik, Planung, „Antworten geben“ – all das wirkt sofort wie Intelligenz. Aber dadurch entsteht ein methodischer Fehler: Man nimmt „menschliche Intelligenz“ als Norm und fragt nur noch, wie nah die Maschine herankommt. Verloren geht dabei die Einsicht, dass „Intelligenz“ auch andersartig sein könnte – und dass ein System, das uns ähnelt, nicht automatisch „bewusst“ oder „lebendig“ sein muss. Kritisch gelesen ist das eine Warnung: Anthropomorphisierung kann zu Fehlschlüssen führen – und zu falschen politischen/ethischen Schlussfolgerungen.


11. Frage: Digitalisierung als Fortschritt – aber auch als Abhängigkeit. Was ist daran der kritische Punkt?

Christoph Cremer: Der kritische Punkt ist, dass Digitalisierung nicht neutral ist: Sie verschiebt Macht, Verantwortung und Verwundbarkeit. Wenn Tätigkeiten und Entscheidungen zunehmend über digitale Infrastrukturen laufen, werden Menschen in gewisser Weise zu „gekoppelten“ Wesen: leistungsfähiger, aber auch abhängig. Das ist nicht bloß ein Komfortthema, sondern strukturell: Wer die Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert mit, wie gedacht, gearbeitet und entschieden wird. Kritisch wird also gefragt: Gewinnen wir Freiheit – oder tauschen wir sie gegen Bequemlichkeit und Effizienz ein, ohne die Folgekosten zu sehen?


12. Frage: Oft steht die Forderung nach einer „Brücke“ zwischen Wissenschaftswelten. Was ist daran kritisch – und was wäre die Alternative?

Christoph Cremer: Kritisch ist die Diagnose, dass moderne Wissenskulturen auseinanderdriften: Auf der einen Seite mechanistische Programme, die alles in Berechenbarkeit pressen wollen; auf der anderen Seite Sinn- und Kulturdeutungen, die ohne naturwissenschaftlichen Boden abheben können. Die Alternative ist eine Brücke, die beides in Spannung hält: Präzise Naturwissenschaft und eine reflektierte Anthropologie. Dabei wird auch die Verantwortung betont: Forschung darf nicht im Tunnelblick enden. Mutiges Denken, das sich öffentlicher Kritik stellt und nicht nur im Labor zirkuliert, wird als Gegenmittel gezeigt – nicht als „Show“, sondern als Versuch, die großen Fragen (KI, Leben, Menschenbild) aus der Enge einzelner Disziplinen herauszuführen.