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Vom Fort-schritt von der Mitte

Ist uns eigentlich schon aufgefallen, dass wir in den letzten 100 bis 200 Jahren lauter Erfindungen gemacht haben, die Zeit sparen (sollen), wie Telefon, Telegraph, Telex, Telefax, Eisenbahn, Automobil, Computer, Internet, Künstliche Intelligenz, etc., dass wir aber so gut wie alle sehr viel weniger Zeit haben als die Menschen, die vor diesen Erfindungen lebten?

Und jetzt kommt auch noch die Künstliche Intelligenz voll zum Tragen. Sie wird unser ganzes Leben beeinflussen in einem Ausmaß, das wir noch nicht einmal ansatzweise abschätzen können. Mehr Produktivität, mehr Flexibilität und sinkende Kosten – der Beginn einer Entwicklung, die die Gesellschaft zehnmal schneller und 3000 mal stärker verändern wird als die industrielle Revolution – laut Expertenschätzungen. In Kombination mit immer schnellerer Rechenleistung und dem Internet sind ja überhaupt erst die Grundlagen für Künstliche Intelligenz geschaffen worden.

Im sogenannten „Informationszeitalter“ werden wir an Informationen so gefesselt, dass sie uns Zeit wegnehmen, wenn wir meinen, alles wissen zu müssen, was uns dargeboten wird.

Es braucht einige Zeit, um sich von solchen Gewohnheiten zu lösen, die zu Zwängen geworden sind, und ferner zu erkennen, dass Informationen nicht dasselbe sind wie heilsames Wissen oder gar Weisheit.

Goethe scheint unser rasendes Informationszeitalter vorausgeahnt zu haben, als er in den „Chinesisch-deutschen Jahres- und Tageszeitungen“ dichtete:

„Mich ängstigt das Verfängliche
am widrigen Geschwätz
und mich umfängt das bängliche,
das graugestrickte Netz,
wo nichts verharrt, alles flieht
und schon verschwunden, was man sieht…“

Heute suchen alle wieder dieses verlorene Verweilen, das zu Gunsten einer angeblichen „schöpferischen Unruhe“ aufgegeben worden ist, die, wenn sie nicht weiss, was sie tun soll, im Aktivismus/Aktionismus endet, auch wenn das Getane nicht sinnvoll ist, nur um „in Bewegung“ zu bleiben, die durch nur ein Rennen, ein Davonrennen, ein Rasen ist.

Es sind viel weniger die „Sachzwänge“ als wir selbst, die uns „hetzen“, zum Fort-schritt zwingen, ein verkanntes, aber verräterisches Wort, denn hier wird nicht auf ein Ziel zugeschritten, sondern von etwas, wohl von der Mitte, die der Meditierende wieder sucht, „fort“ geschritten.

Die Ambivalenz dieses „Fortschritts“ trotz aller hilfreichen Erfindungen ist uns zumindest in Europa langsam klar geworden (die Entwicklungsländer eifern ihm erst noch nach). Aber die Ursachen, besser der Verlust jener Mitte, jenes Grundes, von dem wir uns dabei entfernen, sind noch lange nicht erkannt – und auch in der Tat schwer zu erkennen, wenn man sie zu Wort bringen will. (Die intuitiven Aussteiger, die ihren Ausstieg aus der Industriegesellschaft nicht begründen, sondern, sich selbst vertrauend, einfach handeln, sind ein Beispiel dafür. Sie wissen kaum eine Antwort auf die Frage, warum sie Aussteigen aus der Industriegesellschaft und wie man es besser machen könnte.)

Sie liegen auch tief im technisch-naturwissenschaftlichen Denken verborgen, das uns so viel Erfolge gebracht hat, aber die Welt in einer Weise vergegenständlicht, entseelt und entmenschlicht, dass sie leer und öde wird, nicht nur gott-los („Gott ist tot“), sondern „tote Materie“, eine Summe von „Stoffen und Kräften“, die wir durch Erkenntnis der „Ursachenketten“ nach Belieben berechnen und manipulieren können, so dass sie uns außer Zahlen und Fakten „nichts mehr zu sagen“ haben und die Dichter, die sie einst besangen, vermeintlich im Unwirklichen herumphantasieren, welt- und realitätsfremd sind.

Der Preis für die großartigen Erfolge und all die Macht, die wir heute durch Technik und Naturwissenschaft haben, ist hoch, sehr hoch, jedenfalls solange nicht deren Wesen erkannt und damit deren Grenzen gesehen werden, so dass man sie wieder in ein menschlicheres, nicht nur kausales und funktionales Weltverständnis von der „großen Weltmaschine“, einbetten kann, also nicht leugnen oder „abschaffen“, was nicht geht (wir brauchen sie), aber im Hegelschen Sinne „aufheben“, d.h. zugleich überwinden  u n d  bewahren.

Es ist Zeit für eine zweite Aufklärung.