2016 – 2013

Heidelberger Gespräche:

Anthroposophie und Freimaurerei – Berührungspunkte und Entwicklung zur Zeit der sich bildenden Anthroposophie (März 2016)

Innerhalb der heutigen Gesellschaft zeigen sich Strömungen, die am Ende des 19. Jahrhunderts öffentlich geworden sind. Einerseits ist diese Zeit historisch gut bekannt, anderseits ist die Mentalitätsgeschichte dieses Zeitraumes kaum geschrieben. Zu diesen Strömungen zählen die Theosophie und die Anthroposophie. Im Rahmen der Heidelberger Gespräche wurden schwerpunktmäßig die Rezeptions- und Wirkgeschichte der Anthroposophie behandelt. Der Referent Jan Ziolkowski (Bild) ist seit rund 30 Jahren mit der Anthroposophie vertraut und forscht in diesem Zusammenhang zu Themen der Naturwissenschaften und der Geistesgeschichte. Seine Forschungen zu Rudolf Steiner als Freimaurer sind auch einem breiteren Publikum bekannt. Jan Ziolkowski ist Apotheker und in der Herstellung von anthroposophischen Arzneimitteln seit über 20 Jahren beschäftigt. Hier setzt er Anregungen Rudolf Steiners für die anthroposophische Therapie praktisch um.

Einblicke in Keplers Weltharmonik (März 2015)

Johannes Kepler forschte hauptsächlich zum Prinzip einer universalen Harmonie. Dabei bemerkte er, dass Geometrie dieses Prinzip des Universums sichtbar zeigt. Er benutzte geometrische Verfahren und entwickelte ein Intervallsystem, welches er aus weitergedachter Sicht mit dem alten pythagoreisch-platonischen Denken verband. Demzufolge ist das Grundmuster des Sonnensystems musikalisch, in Form von Tönen und ihren Verhältnissen zu bestimmen und zu verinnerlichen. Anhand dieser Systematik erklärte Kepler das Sonnensystem und dessen innere Funktionalität. Dabei entdeckte er das berühmte dritte Planetengesetz. Heute ist dieser Ansatz wieder gefragt, weil er ausgehend von neuen astronomischen Entdeckungen mit moderner Computertechnik weiter überprüft werden kann. Erstaunlicherweise spielt seine bis vor kurzem noch vernachlässigte Vision bei der aktuellen Erforschung ferner Sonnensysteme wieder mit hinein. Das kosmologische ganzheitliche Weltbild Johannes Keplers hat starke Strahlkraft und wird insbesondere bedeutsam für die Freimaurerei im 18. Jahrhundert. Aber auch in unserem Jahrhundert sagen die Werke Keplers und Robert Fludds, als Vertreter mit unterschiedlichen Ordnungsstrukturen, immer noch Wichtiges über Werte und Qualität des modernen Weltzuganges aus. Denn in ihrer als Fludd-Kepler-Kontroverse in die Wissenschaftsgeschichte eingegangenen Auseinandersetzung erscheint heute deutlicher als damals, wie das einigende Band der älteren Kosmosvorstellung sich auflöst und die europäische Wissenschaft alle magischen Vorstellungen überwindet – ohne sie aufzuheben. Kepler: „Mein höchster Wunsch ist es, den Gott, den ich im Äußern überall finde, auch innerlich, innerhalb meiner, gewahr zu werden.“ Die Referentin Bei Peng (Bild) ist eine in China ausgebildete Pianistin. In Deutschland hat sie Musikwissenschaften und Philosophie studiert. Bei Peng war Doktorandin am musikwissenschaftlichen Institut der Universität Heidelberg. Ihr Forschungsschwerpunkt ist der Zusammenhang von Musik und Astronomie in Europa und China, insbesondere am Beispiel von Johannes Kepler und Zhu Zaiyu.

Gottessohnschaft, Geometrie, Rätselbilder und Toleranz bei Nikolaus von Kues (Oktober 2014)

Nikolaus von Kues 1401-1464 (Cusanus) hat sich gegen rationale Gottesbeweise ausgesprochen und stattdessen eine neue Methode eingeführt, die als suprarationales Aufweisen des Göttlichen in der menschlichen Selbstreflexion bezeichnet werden kann. Es ist der Weg von der Ratio zum Intellekt, vom trennenden Verstand zum Ganzen der Vernunft. In deren Leben, der unser Grund im Bewusstsein ist, spiegelt sich das Göttliche im ‚wissenden Nichtwissen‘ (docta ignorantia) des Menschen. Der Grund des menschlichen Bewusstseins ist als ‚Bild Gottes‘ (imago Dei) die ‚Einheit der Gegensätze‘ (coincidentia oppositorum) von Schöpfer und Geschöpf. Der Mensch ist deswegen ein ‚zweiter Gott‘ (secundus deus), weil er dies zu reflektieren vermag. Die Reflexivität des Ewigen in der Vergänglichkeit unseres Daseins zu verwirklichen, bedeutet ‚Gottessohnschaft‘ (filiatio Dei). Cusanus bietet hierfür eine Vielzahl von Denkübungen an, um die Bewusstheit des Intellektes, des Grundes im Bewusstsein – des göttlichen Funkens Meister Eckarts – zu erlangen. Für die Freimauerei sind hierfür die geometrischen Übungen Cusanus‘ sowie sein Verfahren, die Reflexivität des Göttlichen in Rätselbildern (aenigmata) zu verschlüsseln, höchst anregend. Auf dem Wege seiner Symbolwissenschaft vom Göttlichen kommt Cusanus zum Gedanken der Toleranz und der friedlichen Koexistenz der Religionen. Die cusanische Schulung des Intellekts hat praktische Auswirkungen auf eine Lebensführung, die den Idealen der Freimaurerei entspricht.

Der Geheimorden der Illuminaten (Oktober 2013)

Es ist scheinbar paradox, dass gerade das Zeitalter der Aufklärung des 18. Jahrhunderts von geheimen Verbindungen geprägt war. „Aufklärung und geheime Gesellschaften sind die beiden merkwürdigen Steckenpferde, auf welchen sich Torheit und Weisheit unserer Zeitgenossen tummelt“, notierte Carl Friedrich Bahrdt im Jahr 1789 (Bahrdt/Weber 1789: 249). Aus dieser Zeit gilt der Geheimorden der Illuminaten bis heute als Sinnbild konspirativer Politik und geheimer Machenschaften. Die Referentin Margot Frei (Bild) unterrichtete Physik und Mathematik. Sie hatte mehrere Auslandsaufenthalte in Kanada, Nord- und Südamerika. Seit 1998 ist sie Freimaurerin und begleitete verschiedene Positionen, u.a. war sie im Vorstand der Frauen-Großloge von Deutschland FGLD. Ihre Interessenschwerpunkte sind die Philosophie und die Geschichte der Freimaurerei.

Meister Eckhart – der große deutsche Mystiker und Philosoph (Mai 2013)

Meister Eckhart, geboren um 1260 in Hochheim bei Gotha, gilt als die bedeutendste Persönlichkeit der deutschen Mystik. Er gehörte dem Dominikaner Orden an. Zu den Gedanken des Christentums fand er eine eigene Interpretation. Seine Lehre, die bis heute nicht an Bedeutung verloren hat, kündet von der Einheit des Menschen mit dem göttlichen Sein. Die Aussagen dieses großen und radikalen Denkers kommen aus einem hohen Bewusstseinsstand und sind nicht einfach zu verstehen. Und doch geht eine Strahlkraft davon aus, die eine Resonanz im Menschen erzeugen kann. Die Referentin Gudrun Christel Dahm (Bild) zeigte auf, welche unterschiedlichen Einflüsse Eckharts Lehre zugrunde liegen und welche Hinweise wir für unseren Prozess der Selbsterkenntnis daraus beziehen können. Seit 1994 ist Gudrun Christel Dahm als Dozentin und Kursleiterin an der „Akademie für Ältere Heidelberg“ in den Fachbereichen Psychologie, Philosophie und Mystik tätig. Sie ist auch Lehrerin der Würzburger Schule für Kontemplation.

zur Förderung humanistisch abendländischer Kultur