Alle Beiträge von Werner H. Heußinger

Unbegrenzter Fortschritt und freie Menschen

Wo sind wir heute? Das neue Weltraumzeitalter hat bereits begonnen, Hyperschallflugzeuge, die private Raumfahrt, Weltraumtourismus, der Griff nach einer dauerhaften Siedlung auf dem Mond und die bevorstehende Landung auf dem Mars sind keine Science Fiction, sondern echte Projekte mit vielen Tausend Beschäftigten. Doch haben wir darüber hinaus eine Welt entdeckt und geschaffen, die wir trotz allen Expertenwissens auf diesem Gebiet kaum noch überblicken können. Die gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen, die durch eine ungezügelte globale Informationstechnologie bis hin zu Künstlicher Intelligenz herbeigeführt werden, sprechen für eine Neuordnung unseres Denkens. Dabei braucht die Menschheit zeitnah Lösungen für Fragen, die sie sich selbst stellt. Der Fortschritt hat einen Stand erreicht, an dem wir Erfindungen präsentieren, die wir nicht mehr verstehen und die in ihrer Leistung unsere Vorstellungskraft überflügeln. Wir sind abhängig von Technologie, aber vertrauen der Technik auch blind.

Ein neuer Glaube an Götter, die wir selbst erschaffen, ist am Entstehen. Menschen fühlen sich immer ein bisschen einsam – so hat auch schon der Höhlenmensch empfunden und sich göttliche Naturwesen zur Hilfe geholt. An die Stelle eines monotheistischen Gottes könnte nun ein neues »übermenschliches Wesen« treten. Damit ist nun nicht der Glaube (eher Hoffnungswunsch, immerhin glaubt mehr als die Hälfte der Menschheit an intelligente Wesen irgendwo da draußen) an Außerirdische gemeint, sondern an die Allmacht des technischen Fortschritts. Der Mensch verkommt dabei zum naiven, einfältigen Wesen, das sich der Macht von Algorithmen unterwirft. Die daraus entstehenden »göttlichen Wesen« werden es schon richten und vom Klimawandel bis hin zur Heilung von Krebs alle Probleme lösen, die Unsterblichkeit wird es dank dieser neuen Superwesen dann auch irgendwann einmal geben, zumindest in unserer naiven Vorstellung von Fortschritt. Der Mensch ist diesem Verständnis zu Folge nur ein Zwischenritt in der Evolution, um am Ende eine künstliche Welt zu ermöglichen. Das ist Posthumanismus in Reinform und beschreibt doch eher ein Entwicklungszeitalter nach der Menschheit, wenn Künstliche Intelligenzen übernommen haben und uns Menschen wie Kinder behüten und einschränken werden.

Ein System totaler Überwachung schränkt Freiheit massiv ein und kontrolliert sie. Innovation aber ist die Triebfeder jeder gesellschaftlichen Bewegung. Ein Staat ohne Innovation ist zum Stillstand verdammt – das Fahrrad der berühmten Revolution droht eines Tages umzufallen, zumal niemand mehr die Kraft haben wird, in die Pedale zu treten.Natürlich wird uns die Künstliche Intelligenz Türen öffnen, die wir jetzt noch gar nicht sehen können. Die Besiedelung des Mondes, eine Landung auf dem Mars oder aber der verantwortungsvolle Umgang mit den Ressourcen unseres Planeten sind ohne ihren Einsatz nicht vorstellbar. Die Menschheit wird ihr eigenes Potenzial vervielfachen. Der Mensch muss dabei aber stets selbstbestimmt und frei bleiben. Er wird entscheiden müssen, wie er seinen Willen nach Fortschritt ausrichtet: Dient der so ausgerichtete Fortschritt dem Menschen und seiner Umwelt oder entwickelt sich aus dem Fortschritt eine zerstörerische Kraft? Der Mensch bestimmt den Fortschritt selbst. Er muss stets in der Lage sein, die Kontrolle zu behalten.

Der moderne Mensch wird heimatlos

Die Welt hat sich noch nie so schnell verändert wie in den letzten zwei Jahrhunderten und das Tempo nimmt noch eher an Fahrt auf.

Betrachten wir nur die letzten zwei bis drei Jahrzehnte, was Internet und Mobilfunk mit uns angestellt haben – in weniger als einer Generation. Fest steht: Arbeit wird zunehmend automatisiert, Geld virtualisiert und ganz allgemein steht uns eine Künstliche Intelligenz Revolution bevor. Alles Ständische und Stehende scheint regelrecht zu verdampfen. Irgendwie hat man den Eindruck, dass wir die Fliehkräfte austesten wollen – mit ungewissem Ausgang.

Was hält uns und unser gesellschaftliches Miteinander denn überhaupt zusammen? Wenden wir uns an dieser Stelle einmal nicht an den Klassiker der Soziologie sowie der gesamten historischen Kultur- und Sozialwissenschaften, also an Max Weber, sondern an seinen jüngeren Bruder, an den deutschen Nationalökonom und Soziologen Alfred Weber (* 1868 in Erfurt; † 1958 in Heidelberg). In Heidelberg promovierte er unter anderen den Sozialpsychologen Erich Fromm (allgemein bekannt für sein gesellschaftliches Werk „Haben oder Sein“ aus dem Jahre 1976). Erwähnenswert ist auch: Bei der Promotion von Franz Kafka leitete Alfred Weber die mündliche Prüfung. 

Nach Alfred Weber zerfällt das menschliche „Daseinsgesamt“ in drei verschiedene Sektoren. Der „Zivilisations-“ und der „Gesellschaftssphäre“ steht die weitgehend autonome „Kultursphäre“ gegenüber. Während die beiden ersten Technik und Wissenschaft, Staatsaufbau und Wirtschaftsorganisation umfassen, umfasst die dritte Kunst, Philosophie, Religion und Mythen. Spannungen könnten im Verlauf der Geschichte dadurch entstehen, dass sich die genannten Teilbereiche nicht gleichmäßig entwickeln. Die zunehmende Auflösung überkommener Bindungen zwischen der Kultur- und den anderen Sphären mache den modernen Menschen tendenziell heimatlos. Kommt uns das bekannt vor? Willkommen in unserer alltäglichen Gegenwart. Übrigens: Alfred Webers Wirkung beruhte nicht nur auf seinen wissenschaftlichen Werken, sondern mindestens ebenso sehr auf seinem persönlichen Eintreten für wissenschaftliche Offenheit, Freiheit und Menschenwürde. 

Die gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen, die durch eine ungezügelte globale Informationstechnologie bis hin zu künstlicher Intelligenz herbeigeführt werden, sprechen für eine Neuordnung unseres Denkens. Denn es stellt sich die berechtigte Frage, welchen Nutzen uns die mittlerweile völlig unüberschaubare Informationsflut bringt, wenn damit zwar unbegrenztes Wissen, nicht aber die geistigen Grundlagen zum Erkenntnisgewinn vermittelt werden. Vielleicht würde uns eine zweite Aufklärung helfen, die sich unter anderem auf das kritische Potential der Denker des 18. Jahrhunderts beruft. Auf dieser Grundlage könnte ein zeitgemäßes pädagogisches Modell entwickelt werden, das den Erfordernissen unseres Zeitalters gerecht wird und die Grundlage für eine sichere und bessere Zukunft bietet.

Es ist dem permanenten Wandel, der ungeheuren Entwicklung und der daraus resultierenden allgemeinen Verunsicherung geschuldet, dass wir uns auf Althergebrachtes zurückziehen und uns nach Zeiten zurücksehnen, in denen noch alles verständlich, sicher und eindeutig war. Die Gestaltung unserer Zukunft erfordert aber das demokratische Engagement von jedem und schließt die Pflicht ein, sich zu informieren und mit anderen auszutauschen.

Quelle: u.a. Wikipedia

Vom Fort-schritt von der Mitte

Ist uns eigentlich schon aufgefallen, dass wir in den letzten 100 bis 200 Jahren lauter Erfindungen gemacht haben, die Zeit sparen (sollen), wie Telefon, Telegraph, Telex, Telefax, Eisenbahn, Automobil, Computer, Internet, Künstliche Intelligenz, etc., dass wir aber so gut wie alle sehr viel weniger Zeit haben als die Menschen, die vor diesen Erfindungen lebten?

Und jetzt kommt auch noch die Künstliche Intelligenz voll zum Tragen. Sie wird unser ganzes Leben beeinflussen in einem Ausmaß, das wir noch nicht einmal ansatzweise abschätzen können. Mehr Produktivität, mehr Flexibilität und sinkende Kosten – der Beginn einer Entwicklung, die die Gesellschaft zehnmal schneller und 3000 mal stärker verändern wird als die industrielle Revolution – laut Expertenschätzungen. In Kombination mit immer schnellerer Rechenleistung und dem Internet sind ja überhaupt erst die Grundlagen für Künstliche Intelligenz geschaffen worden.

Im sogenannten „Informationszeitalter“ werden wir an Informationen so gefesselt, dass sie uns Zeit wegnehmen, wenn wir meinen, alles wissen zu müssen, was uns dargeboten wird.

Es braucht einige Zeit, um sich von solchen Gewohnheiten zu lösen, die zu Zwängen geworden sind, und ferner zu erkennen, dass Informationen nicht dasselbe sind wie heilsames Wissen oder gar Weisheit.

Goethe scheint unser rasendes Informationszeitalter vorausgeahnt zu haben, als er in den „Chinesisch-deutschen Jahres- und Tageszeitungen“ dichtete:

„Mich ängstigt das Verfängliche
am widrigen Geschwätz
und mich umfängt das bängliche,
das graugestrickte Netz,
wo nichts verharrt, alles flieht
und schon verschwunden, was man sieht…“

Heute suchen alle wieder dieses verlorene Verweilen, das zu Gunsten einer angeblichen „schöpferischen Unruhe“ aufgegeben worden ist, die, wenn sie nicht weiss, was sie tun soll, im Aktivismus/Aktionismus endet, auch wenn das Getane nicht sinnvoll ist, nur um „in Bewegung“ zu bleiben, die durch nur ein Rennen, ein Davonrennen, ein Rasen ist.

Es sind viel weniger die „Sachzwänge“ als wir selbst, die uns „hetzen“, zum Fort-schritt zwingen, ein verkanntes, aber verräterisches Wort, denn hier wird nicht auf ein Ziel zugeschritten, sondern von etwas, wohl von der Mitte, die der Meditierende wieder sucht, „fort“ geschritten.

Die Ambivalenz dieses „Fortschritts“ trotz aller hilfreichen Erfindungen ist uns zumindest in Europa langsam klar geworden (die Entwicklungsländer eifern ihm erst noch nach). Aber die Ursachen, besser der Verlust jener Mitte, jenes Grundes, von dem wir uns dabei entfernen, sind noch lange nicht erkannt – und auch in der Tat schwer zu erkennen, wenn man sie zu Wort bringen will. (Die intuitiven Aussteiger, die ihren Ausstieg aus der Industriegesellschaft nicht begründen, sondern, sich selbst vertrauend, einfach handeln, sind ein Beispiel dafür. Sie wissen kaum eine Antwort auf die Frage, warum sie Aussteigen aus der Industriegesellschaft und wie man es besser machen könnte.)

Sie liegen auch tief im technisch-naturwissenschaftlichen Denken verborgen, das uns so viel Erfolge gebracht hat, aber die Welt in einer Weise vergegenständlicht, entseelt und entmenschlicht, dass sie leer und öde wird, nicht nur gott-los („Gott ist tot“), sondern „tote Materie“, eine Summe von „Stoffen und Kräften“, die wir durch Erkenntnis der „Ursachenketten“ nach Belieben berechnen und manipulieren können, so dass sie uns außer Zahlen und Fakten „nichts mehr zu sagen“ haben und die Dichter, die sie einst besangen, vermeintlich im Unwirklichen herumphantasieren, welt- und realitätsfremd sind.

Der Preis für die großartigen Erfolge und all die Macht, die wir heute durch Technik und Naturwissenschaft haben, ist hoch, sehr hoch, jedenfalls solange nicht deren Wesen erkannt und damit deren Grenzen gesehen werden, so dass man sie wieder in ein menschlicheres, nicht nur kausales und funktionales Weltverständnis von der „großen Weltmaschine“, einbetten kann, also nicht leugnen oder „abschaffen“, was nicht geht (wir brauchen sie), aber im Hegelschen Sinne „aufheben“, d.h. zugleich überwinden  u n d  bewahren.

Es ist Zeit für eine zweite Aufklärung.